Aus beruflichen Gründen kam ich in Kontakt mit einem alten, damals schon schwer kranken Mann, der unserem Institut seinen Nachlass vermachen wollte. Er war entkräftet und konnte nicht mehr aufstehen. Er erklärte mir in knappen Sätzen, welche Dokumente er unserem Institut vermachen wolle, die – wie ich feststellte – keinen Wert für unser Institut hatten. Darunter waren einige Dutzend altgriechische Textausgaben. Ich sprach ihn darauf an, weil ich gerade selbst diese Sprache lernte. Er forderte mich auf, mich an sein Bett zu setzen und er begann zu erzählen.

Was mir dieser Mann da in den nächsten Tagen erzählte (ich besuchte ihn in Folge öfter des Abends) war - wie ich später dann feststellte - im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdig, nämlich des Merkens würdig. Zunächst glaubte ich schlichtweg, es handle sich um einen Phantasten. Er erzählte, dass er das letzte Mitglied einer Gemeinschaft sei, deren ethisches Fundament die wahren Lehren des Pythagoras sind. Diese Gemeinschaft habe früher zahlreiche Anhänger in mehreren Ländern gehabt. Er habe allerdings schon lange keinen Kontakt zu Kultmitgliedern mehr und glaube überhaupt, er sei der letzte Wissende.

Eines Abends begann er mir einen griechischen Text zu diktieren, den er vor langer Zeit auswendig gelernt hatte. Eigentlich binde ihn ein Schweigegelübde, und deshalb nötigte er mir das Versprechen ab, die Mitschrift niemandem zu zeigen: Die darin enthaltenen Lehren würden jedoch mein Leben verändern.

Und so saß ich am Bett dieses sterbenskranken Mannes, und schrieb auf, was er mir diktierte – in einer Sprache, die ich damals nur unzulänglich beherrschte. Seine spezielle Art zu artikulieren und die einzelnen Laute deutlich zu unterscheiden erleichterte mir das Einhören sehr und so ging es bald ziemlich gut. Aufgrund seines zeitweilig besonders schnellen Sprechrhythmus ist meine Mitschrift für mich nicht immer leicht zu entziffern; teilweise fiel ich in die Lateinschrift zurück, und es gibt auch kleine Lücken, weil bisweilen meine Konzentration nachließ.

Das Ergebnis: ein dickes Konvolut, dessen Inhalt ich zunächst nur unzureichend verstand und das ich erst – mit dem Fortschritt meiner Griechischkenntnisse – mühevoll entschlüsseln musste und muss. In der Zwischenzeit glaube ich an die göttliche Instanz, von der der Text spricht, und so bin ich voller Zuversicht, dass mich ein guter Daimon bei meiner Arbeit leitet.

Ich erfülle den Buchstaben meines Gelübdes: Wie ich dem alten Mann versprach, wird das Original meiner Mitschrift niemand zu Gesicht bekommen. Aber ich werde nach und nach einige Ausschnitte veröffentlichen, damit der Sinn des „Evangelium des Pythagoras“ seinen Zweck erfüllt – das Licht des Glaubens an zukünftige Generationen weiterzugeben.

Evangelium? Warum diese Bezeichnung? Dafür gibt es zwei Gründe: Der Inhalt der Schrift geht auf Pythagoras zurück, der Text entstand sicher in späterer Zeit, wie die sprachliche Form verrät. Denn es handelt sich um das Griechische der nachklassischen Periode und hat viele Ähnlichkeiten mit dem einfachen, manchmal fast unbeholfenen Stil der Bibel. Das ist der eine Grund. Der andere: Es wird von einem Heilsweg erzählt, den zu gehen eine auserwählte Schar berufen ist. Für sie ist die Schrift ein Euaggelion – Evangelium. Was ja nichts anderes bedeutet als „gute Nachricht“. Und diese ursprüngliche Schlichtheit des im Altgriechischen alltäglichen Wortes soll uns beim Pythagoras-Evangelium bewusst werden.


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